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Der Atem des Himmels
von Reinhold Bilgeri
Die attraktive Erna von Gaderthurn beschließt im Alter von 41 Jahren, und nach dem Tod
ihres geliebten Vaters, ein neues Leben zu beginnen. Sie löst sich aus der Umklammerung
der dominanten Mutter, deren Standesdünkel ihr unerträglich werden und verlässt das
elterliche Schloss in Südtirol, um eine Lehrerstelle in Blons, einem kleinen Dorf in den
Vorarlberger Alpen, anzutreten. Wie viele junge Frauen hat sie ihren Mann bereits kurz nach
der Hochzeit im letzten Kriegsjahr verloren.
Ernas Erscheinen im Spätsommer 1953 in jenem Bergdorf am Fuße des Montcalv sorgt für
große Aufregung. Ihr schönes Gesicht im Schatten der breiten Hutkrempe, das
Seidenkostüm, die gehäkelten Handschuhe, ihr federnder Gang. Die Männer verrenken sich
ihre knorrigen Hälse, während die Frauen Unheil wittern. Die Gegensätze könnten größer
kaum sein, zwei Welten prallen aufeinander, als Erna auf dem Bauernhof der Familie Jenny
einquartiert wird. Wortkarg aber mit ruppiger Herzlichkeit -„s`Gott “, Frau Erna, „s`Klo ist im
Stall und Essen gibt’s in zwei Stund“ nehmen Vater und Mutter Jenny ihren vornehmen
Hausgast auf.
Bald schon erfährt sie von dem schwelenden Konflikt, den Eugenio und Baron von Kessel
seit Jahren miteinander austragen. Von den über Blons gelegenen Hängen des Montcalv,
die im Besitz des Barons sind, gehen immer wieder Lawinen ab. Die Eltern der kleinen Pia
verloren durch ein mächtiges Schneebrett ihr Leben und Eugenio, der das verstörte
Mädchen zu sich genommen hat, kämpft seit Jahren um einen effektiven Lawinenschutz.
Doch der Baron legt sich quer, ist überzeugt davon, dass seine Hänge durch den
aufgeforsteten Bannwald sicher genug sind.
Dann plötzlich, Anfang Januar, fallen die Quecksilbersäulen, die Nächte werden eisig, es
fällt der erste Schnee. Und wie Eugenio prophezeit hatte – der Schnee wächst wie ein
Strafgericht über Blons. Immer größer werden die Flocken, handtellergroße Fetzen sinken
vom Himmel. Binnen weniger Stunden fallen über eineinhalb Meter. Die Situation wird immer
dramatischer. Erste Lawinenabgänge haben die Straßen längst unpassierbar gemacht. Das
Tal ist zur Falle geworden. Keiner kann mehr hinaus, keiner mehr hinein. Die Bauern
verständigen sich nur noch mit Lichtsignalen, denn der kleinste Mucks kann die Katastrophe
auslösen. Um zwei Uhr Nachts fällt der Strom aus. Das Tal ist endgültig von der Welt
abgeschnitten. Am 11. Jänner 1954, um 19 Uhr Ortszeit beginnt der grausamste Lawinen
Reigen, der je im Alpenraum stattgefunden hat. Zwischen dem 10. und dem 12.Jänner
werden im Tal über 300 Lawinen gezählt. Zwei Drittel des Dorfes werden dem Erdboden
gleichgemacht. Die Verletzten werden in der Schulklasse im Lehrerhaus notdürftig versorgt.
Es gibt keine einzige Bahre in Blons.
Eine mächtige Staublawine vom Montcalv verschüttet Erna und Eugenio. Erna kann sich aus
ihrem Schneeloch selbst befreien aber Eugenio liegt zwischen den schweren Balken des
Dachstuhls eingeklemmt ... Aus seinem Mund tritt Blut, und Erna harrt verzweifelt bei ihm
aus, bis Hilfe kommt. Doch Dr. Dobler kann nichts mehr tun. Als endlich das schwere Dach,
am Stahlseil eines Rettungshubschraubers der US Army in den Himmel fliegt, ist Eugenio
„befreit “ und verblutet im selben Moment in Ernas Schoß. Noch bevor er stirbt, wird ihm
Erna ihr wärmstes Geheimnis ins Ohr flüstern und Eugenio wird lächelnd sterben. . „Wir
bekommen ein Baby... wir zwei“...Sie wiegt ihn wie ein Kind. Erna Casagrande bleibt in
Blons, mit Pia und ihrem Sohn Eugenio. Während der letzten Monate haben sich auch die
Mächtigen der Welt zu einer Neuordnung durchgerungen, Österreich bekommt seinen
Staatsvertrag, die französischen Truppen ziehen ab, Österreich ist frei.
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